Kultur schlägt Kapital

Gastbeitrag: Emanuel Hege

Fußball ist Anarchie: Während Profivereine keine Überraschungen mögen und am liebsten voll ökonomische Events veranstalten würden, sind deutsche Stehtribünen Orte des Unvorhersehbaren. Während Großkonzerne unser Denken beeinflussen, der Konsum die Weltansicht steuert, versprechen die Stehtribünen im straffen Fußballbusiness einen letzten Fleck Gesetzlosigkeit. Darüber hinaus könnten sie zur großen Hoffnung deutscher Klubs werden.

Kultur schlägt Kapital

Millionen verdienen und sich den Steuern entziehen, Nachwuchsakademien errichten in denen der Mensch zweitrangig ist, Teamquerelen anzetteln für den eigenen Vorteil. Es gibt viele Beispiele wie der Fußball dem sogenannten Turbo-Kapitalismus verfällt. Es ist logisch, dass Vereine nach dem marktwirtschaftlichen Weltspiel arbeiten, auf Wachstum ausgelegt sind und es sich nicht immer um den Fußball als Kultur dreht. Es ist logisch, gut finden muss man es nicht und es führt zu der Frage: Wo soll das hinführen?

Den Fußballfunktionären passt die Anarchie des Spiels nicht in ihre monetären Zielsetzungen, gleichzeitig wissen sie um die Wichtigkeit der unkontrollierten Masse. Genauso gut wie das Fußballspiel selbst, verkaufen sich immer noch die Emotionen. Für Vereine und ihre Bosse ist es ein zweischneidiges Schwert, ein Pakt mit ihrem persönlichen Teufel.
Wenn ein Verein nur auf wirtschaftliches Wachstum setzt und die Fußballkultur für trivial hält, findet man sich im Fall Hannover 96 wieder. 96-Alleinherrscher Martin Kind lebt die kapitalistische Denke von Wachstum, Wachstum und noch mehr Wachstum – damit hat er es sich mit der aktiven Fanszene verscherzt. Dass seine Mittel dabei nicht immer dem Zweck beitragen, scheint ihn nicht zu stören. Engstirnig. Fußball funktioniert nicht nach den gleichen Regeln wie die Privatwirtschaft. Kind möchte glauben, bei Anhängern handelt es sich um manipulierbare Kunden, das autonome und kritische Denken steckt jedoch in der Fankultur und rettet den Sport bisher vor dem Ausverkauf. Gier war zwar noch nie nachhaltig, trotzdem zieht es die Menschen an.
Fußball- und Fankultur zuzulassen bedeutet schwer kontrollierbare Situationen zuzulassen, dass Anhänger auch mal unangenehm werden, über die Stränge schlagen und den Verein kritisieren. Sobald die Klubs die Kultur verdrängen, tragen sie deutlich höhere Kosten. Wenn das Stadionerlebnis für die jungen Fußballbegeisterten zur Klatschpappen-Familienausflug wird, wie soll man die Menschen dann noch für Rumpeltruppen wie Hannover 96 begeistern. Bayern, Barcelona, Manchester City und Co. graben beim weltweiten Wettrennen um Finanzen, Einfluss und Reichweite den Anderen das Wasser ab. Wo es hinführt? Voraussichtlich werden die besorgniserregenden Symptome anschwellen. Sicher scheint: Die Fankultur ist die einzige lohnende Perspektive, die viele deutsche Vereine im kapitalistisch getakteten Fußballbetrieb noch haben.

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