RB Leipzig – Retter der deutschen Jugend?

Mit RasenBallsport Leipzig ist wieder ein Verein aus dem Osten in die Fußball-Bundesliga aufgestiegen. Der Verein wird seit Jahren aufgrund seiner Struktur, der Zerstörung der deutschen Fußballtradition und vor allem aufgrund des vielen Geldes, das Red Bull in seinen Leipziger Verein pumpt, kritisiert. Allerdings steht Leipzig für die Jugendförderung im deutschen Fußball wie kein Zweiter. Der Verein setzt auch bei seinen Transfers auf junge, entwicklungsfähige Spieler. Diese Philosophie soll den Verein sympathisch machen.

rb-leipzig

„Immer wenn ich mit ihm darüber rede, geht es Herrn Mateschitz (Red Bull-Chef) in erster Linie darum, dass er jungen, begabten Sportlern die Möglichkeit geben möchte, sich zu entwickeln. Mir gegenüber hat er noch nie den Eindruck erweckt, dass er deswegen möchte, dass wir rasch Erfolg haben, damit er mehr Dosen verkaufen kann.“ Diese Einschätzung gibt vor einiger Zeit der Sportchef RB Leipzigs, Ralf Rangnick, gegenüber dem Fußballkultur-Magazin 11-Freunde. Dieses Zitat stellt das Zentrum des Projekts RasenBallsport Leipzigs in den Vordergrund: die Jugendarbeit. Die Philosophie ist seit der Gründung des Klubs klar. Frisch, jung und gutaussehend den deutschen Fußball aufmischen. Das viele Geld, das durch Red Bull zur Verfügung steht, soll sinnvoll eingesetzt werden, nämlich in die eigene Jugend, die das Zentrum des Erfolgs bilden soll. In dem modernsten Leistungszentrum Europas, das 2015 fertiggestellt wurde, ist der Jugendbereich an den der Profis gekoppelt. Von Technik bis Philosophie protzt es hier an Perfektion, wie in einer Sky-Dokumentation ausführlich zu sehen ist. Die Jugendspieler trainieren in einem weniger luxuriösen Umfeld im Vergleich zu den Profis. Kleinerer Pool, kleinerer Saunabereich und beim Spinning müssen sie neidisch durch eine Glasscheibe auf den noch protzigeren Profibereich schielen. Auch ihre Regeln im Internat sind drastischer als die der Profis. Statt zum Tätowierer sollen sie lieber zur Fußpflege. Tätowierte Jugendspieler sind nicht erwünscht, sie sollen sich auf den Fußball konzentrieren. Im Internat müssen sich die Spieler beim Betreten und Verlassen des Gebäudes an- und abmelden. Aus Brandschutzgründen will RB wissen, wer sich im Gebäude aufhält. Dort dürfen keine Straßenschuhe getragen werden, Hausschuhe sind angesagt. Es scheint alles durchdacht und berechnet. Der Plan verfolgt ein klares Ziel, die Erstellung eines eigenen Typus Fußballer. Es geht nicht nur um den Fußballer, sondern auch um den Menschen. Oder um Aale, glatt und glitschig. RB versucht seine Spieler zu aalglatten Menschen ohne Fehler zu erziehen. Sie sollen ihre Interessen hintenanstellen. An erster Stelle steht RB Leipzig.

Rasenballer-beziehen-Trainingszentrum-am-Cottaweg_pdaBigTeaser

 

Diese Philosophie, den Jugendfußball mit solch durchdachter Professionalität in den Vordergrund eines Vereins zu stellen, gibt ihm einen postmodernen Charakter, der die Relevanz der überdimensionierten Transferpolitik versucht in den Schatten zu stellen. Gute Jugendarbeit ist im Fußball immer mit einem positiven Image verbunden. Sie beschönigt das Projekt, das – oberflächlich gesehen – wie jeder andere Verein zum Erfolg gelangt. Nur eben mit dem Unterschied, dass zuerst das Geld da war, dann der Erfolg, wie St. Pauli Vorstand Andreas Rettig feststellte. Beschönigt deshalb, da der Verein suggeriert, das Fußballgeschäft neu erfunden zu haben. Hat er aber nicht. Denn der Erfolg ist schon da, und das ohne die Jugendspieler. Nächste Saison spielt man in der ersten Liga. Nicht wegen einer guten Jugendarbeit, sondern wegen guten Transfers. Die allerdings nur möglich sind, da durch das viele Geld von Red Bull ein Wettbewerbsvorteil vorhanden ist. „Wir schmeißen das Geld nicht raus, und Ablösezahlungen sind bei uns eine absolute Ausnahme.“, behauptet Rangnick ebenfalls in dem 11-Freunde-Interview. Wie er das belegen möchte, ist ein Rätsel. Teil der Jugendarbeit in Leipzig ist nämlich auch das Abwerben von Jugendspielern, das bis ins Alter der U-15 Mannschaften reicht. Dabei sind sechsstellige Summen keine Seltenheit. Leisten können sich das nur wenige Vereine in Deutschland. Thomas Albeck, Leiter des Jugendleistungszentrums in Leipzig, rechtfertigt das Vorgehen in der FAZ so: „Die anderen Spieler waren einfach noch nicht so darauf vorbereitet – und deswegen mussten wir noch bessere Spieler dazu holen, die die Form des Trainings und des Spiels gewohnt waren.“ Auf was vorbereitet? Auf das System RB Leipzig. Es wird eine aggressive Linie gefahren, die den schnellstmöglichen Erfolg garantieren soll.

Zu der Philosophie Leipzigs gehört neben der Jugendarbeit, auch Transfers von jungen Spielern, die bereits weit genug entwickelt für die erste Mannschaft sind. Diese Spieler haben ein solches Format, dass ihnen nahezu jeder Klub eine Chance geben würde. Den meisten fehlt aber das Geld dafür. Allein im letzten Jahr investiert Leipzig 26 Millionen Euro in neue Spieler. Fast immer auffällig hoch über dem Marktwert der Spieler. Der Innenverteidiger Atinc Nucan hat bei seiner Verpflichtung nach transfermarkt.de einen Marktwert von 2,5 Millionen Euro. Leipzig zahlt sechs Millionen. Marcel Halstenberg von St.Pauli gekommen, hatte einen Marktwert von 0,8 Millionen. Der Spieler wurde für 3,5 Millionen vom Kiezverein losgeeist. Das sind nur Beispiele, die Liste ließe sich fortführen. Die Spitze des Eisbergs bildet bisher Davie Selke, der mit einer Ablöse von acht Millionen in die zweite Liga gelockt wurde. Erstens ein absurder Preis für einen jungen Spieler mit Entwicklungspotential und zweitens unmöglich zu bezahlen für jeden anderen Zweitligisten. Das hat nichts mit barmherziger Entwicklung junger Spieler zu tun, die Statements aus Leipzig implizieren. RB Leipzig sucht sich die Sahnestücke heraus. Wenn geldrauswerfen so nicht aussieht, wie dann Herr Rangnick? Auffallend ist auch die Anzahl der Verpflichtungen in den Transferperioden der letzten Jahre. In dem gerade aufgeführten Jahr verpflichtet Red Bull neun Spieler. Im Jahr davor sind es 15 Spieler. In der Saison 13/14 sind es elf neue Spieler. So ist es schwierig eine Mannschaft zu entwickeln und Spielern eine Chance zur Weiterbildung zu geben.

„Wir werden unseren Weg mit dieser klaren Transfer- und Spielphilosophie nicht verlassen. Wir werden weiterhin junge, hochtalentierte Spieler holen.“, kündigt Rangnick an. Das halte ich für fraglich. Mit wachsendem Erfolg steigt der Anspruch. Der Anspruch könnte die professionelle und durchdachte Philosophie über Bord schmeißen. Eine aalglatte U-23-Mannschaft ohne Ecken und Kanten wird nicht Deutscher Meister. Ob man dann immer noch auf Typen mit Tattoo verzichten kann? Wohl eher nicht.

den-gegner-auf-die-hoerner

 

 

 

2 thoughts on “RB Leipzig – Retter der deutschen Jugend?

Got Something To Say:

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*