Meine erste große Erinnerung an den König Fußball – Wie mich die Schlusskonferenz im Radio zum Wahnsinn brachte

Mai 2001, als Achtjähriger sitze ich in meinem Kinderzimmer vor dem Radio. Es läuft das Bundesligafinale. Nicht das erste Mal, dennoch sollte es so einprägsam werden, dass es heute die erste Erinnerung an den König Fußball ist, bei dem ich mit Leib und Seele dabei bin. Es läuft die Schlusskonferenz in „SWR-Stadion“ sowie man in diesem Fußballzeitalter noch die Bundesliga verfolgt. Kein wackliger Stream auf einer illegalen holländischen Internetseite, sondern pure Emotionen der Radiokommentatoren, die das Fernduell zwischen Schalke 04 und dem FC Bayern München verfeinern.

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Es sollte der Tag werden, an dem ich mich spätestens in diesen Sport verliebe, trotz des unromantischen Endes, dass schlussendlich doch die Bayern wieder Meister werden. Ich denke, dass es kein gewagtes Zugeständnis ist, dass man als bekennender Fußballromantiker eher kein Liebhaber des FC Bayern ist, denn romantisch sind eher die Titel, die überraschend passieren. Diese Meisterschaft ist eigentlich keine Überraschung, dann aber doch, da es die Bayern schaffen innerhalb drei Minuten nochmal zurückzuschlagen.
In der letzten regulären Spielminute macht Barbarez das 1:0 für den HSV gegen den FCB und Schalke führt zu diesem Zeitpunkt nach einem wahnsinnigen Schlagabtausch mit 5:3 im alten Parkstadion gegen Unterhaching. Nach gespielten 90 Minuten hätte Schalke also überraschend die Meisterschaft feiern können. Sie kämpften vor einer nach Fußballromantik duftenden Kulisse in ihrem Parkstadion.
Als Barbarez in Hamburg trifft, weiß ich nicht mehr wohin mit mir und renne euphorisch und nervös, wie man in diesem Alter nur an Weihnachten sein kann, in die Küche. Dort verfolgt mein Vater beim Kochen die Bundesliga, der jedoch auch schon längst den Kochlöffel Kochlöffel sein lässt und in die Schlusskonferenz eintaucht. Die Moderatoren feiern schon die Meisterschale für Schalke, während ich zwischen Küche und Kinderzimmer hin und her renne und mich schon darauf freue, die Meisterfeier von S04 in der Sportschau Revue passieren zu lassen und die großen Bayern am Boden zu sehen. Der Gedanke war einfach super romantisch, die Bayern selbst, in der 90., kurz vor Ende des Spiels, scheitern zu sehen, besser gesagt zu hören. Doch an diesem Tag lerne ich, dass dieser Gedanke naiv ist. Wenn die Bayern in der 90. ein Tor kassieren, dann muss man trotzdem noch die gesamte Nachspielzeit zittern. Dusel-Bayern sind eben Dusel-Bayern, die wenn es nötig ist in der 93. Minute einen indirekten Freistoß an der 5-Meter-Raumgrenze des Torwarts bekommen. Ich kann mich bis heute nicht an eine ähnliche Schiedsrichterentscheidung erinnern und wenn, dann muss es in einem F-Jugend-Spiel meines Dorfvereins gewesen sein. Doch in diesem Spiel passiert es. Als Anderson bei diesem Freistoß das 1:1 erzielt, brechen in Hamburg auf der Bayernbank alle Dämme, der Kommentator feiert die Bayern als deutschen Meister, während Manni Breuckmann, der an diesem Tag auf Schalke das Spiel kommentiert, fassungslos die Situation im Schalker Parkstadion schildert. Hier ist man ebenfalls schon am Feiern gewesen und die Zuschauer befinden sich dementsprechend schon auf dem Rasen der Spielstätte, dessen letztes Spiel es an diesem Tag ist. Es wäre der romantische Abschied für das Schalker Parkstadion gewesen, wenn Anderson nicht gewesen wäre. Als das 1:1 der Bayern auf dem Videowürfel des Stadions abgebildet wird, verbreitet sich eine bedrückende Stimmung, die kaum zu beschreiben ist. Manni Breuckmann gibt später zu, an diesem Tag seiner Radiomoderation, den Pfad der Neutralität verlassen zu haben. Er hat sich von der Stimmung auf Schalke anstecken lassen, schließlich wartet S04 im Jahr 2001 bereits über 40 Jahre auf die nächste Meisterschaft.
Ich habe mich von Breuckmann anstecken lassen. Es war der Tag, an dem man auch als mehr oder weniger neutraler Betrachter dieses Duells alle Emotionen des Fußballs miterleben darf. Spannungsgeladen vor dem Radio, dem Medium, dem man von Natur aus der Sportberichterstattung mehr Aufmerksamkeit als dem Fernseher widmet. Man sitzt elektrisiert vor den Geräten und taucht ein in diesen Wahnsinn, der an diesem Tag passiert. Das Geschehen in den Stadien kann nicht selbst abgeschätzt werden, man begibt sich voll und Ganz in die Arme des Kommentators, der für 90 Minuten mit dem was er sagt dein Gefühlschaos im Griff hat.
Im Nachhinein ist es für mich einer der schönsten Erinnerungen, was den Fußball betrifft, auch dank Breuckmann und dem Radio. Was an diesem Samstag passiert ist, weiß ich auch damals bereits mit acht Jahren. Hier ist gerade Bundesligageschichte geschrieben worden. Es gewinnen zwar die Bayern, dennoch gewinnt vor allem die Bundesliga, durch diese wahnsinnige Spannung an diesem Spieltag. Inzwischen sehnt man sich nach solch einem Bundesligafinale.
Bitte lieber Fußballgott, lass es wieder so werden, auch wenn am Ende die Bayern wieder Meister werden. Ich will wenigstens wieder zittern dürfen und nicht die Punkte zwischen dem Ersten und Zweiten bewundern, oder besser gesagt: ertragen müssen.

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