Emotionscocktail auf dem Betzenberg – Wie ich den Nichtaufstieg meines Lieblingsvereins erlebte

Vier Wochen ist es nun her, dennoch verspüre ich immer noch tiefe Leere und endlose Müdigkeit. Beides sind die Folgen einer wellenreichen Schiffsfahrt im Meer voller Emotionen, die schließlich im Hafen der Realität endet.
Ja es war unwahrscheinlich, dass es klappt, aber irgendwie war es mir egal. Wahrscheinlichkeitsrechnungen konnten mir an diesem Tag gestohlen bleiben. Wichtig war mir, dass der Aufstieg des 1.FC Kaiserlautern möglich war, beziehungsweise hatte ich das Gefühl, je geringer die Chance, desto größer ist meine „Geilheit“ auf das Erleben des Unwahrscheinlichen. Die ganze Woche vor dem letzten Spieltag ratterte meine Denkmaschine: Was wäre, wenn… Was wäre, wenn der KSC und Darmstadt tatsächlich verlieren und „wir“ gewinnen würden? Es wäre geschehen. Der Betzenberg würde die ganze Stadt bis zum Grabe Fritz Walters erbeben lassen: Platzsturm nach Abpfiff, Freudentränen, fremde Menschen würden sich durch Umarmungen ineinander verschlingen, der Alkohol würde am laufenden Band fließen und die Mannschaft würde unter Nie-Mehr-Zweite-Liga-Gesängen wie auf einem Thron vom Stadion in die Stadt getragen werden. Peng! Aufwachen!
Genau diese Illusion, die mir die ganze Woche vor dem Spiel durch den Kopf spukte, ließ die realistische schlechte Ausgangslage so klein erscheinen, dass kaum Platz für rationale Denk-und Rechenspiele blieb. Die große Lust auf den Aufstieg pushte die Emotionen in mir so hoch, dass ich mich immer wieder dabei erwischte, dass ich den Nichtaufstieg fast als unwahrscheinlich empfand. An diesem Tag war mein Fan-Wille einfach zu groß. Zu groß für die Realität. Ich wollte unbedingt das Geilste vom Geilen erleben, den Aufstieg meines Vereins, doch dieser blieb eine Illusion.
Ich war nervös und wollte das auch so. Die letzte Woche war ein zusammengemixter Emotionscocktail aus natürlicher und künstlicher Nervosität. Ich wollte mich eben hineinsteigern in das Gefühl, wie es denn wäre, wenn es mit dem Aufstieg klappt. Der ganze Tag sollte einfach ein Feiertag werden und zur Krönung sollte mit dem Aufstieg mein Emotionscocktail ins Positive explodieren. Zur Unterstützung und, weil es eben zum Fußball dazugehört, durfte der Alkohol natürlich nicht fehlen. Die Nervosität wurde dadurch übrigens nicht besser, allerdings sorgte sie dafür, dass der Konsum höher war als sonst. Auch eine halbe Schachtel Lucky Strike dampfte ich in Rekordzeit weg, obwohl ich eigentlich dem Rauchen abgeschworen habe. Der gesamte Tag des Spiels fühlte sich an wie ein Rausch, der im Lauterer Aufstieg seinen Höhepunkt hätte finden sollen.
Dank des Führungstores kurz vor der Halbzeit war die Aufstiegshoffnung kurz vor der Eskalation. Dazu kamen sämtliche Gerüchte von anderen Plätzen, die Kaiserslautern in die Karten spielen würden. Trotz kleiner Zweifel an den Ergebnissen, sog ich die Aufstiegsstimmung im Stadion auf wie ein trockener Schwamm.
In der 81. Minute des Spiels folgte der tiefe Fall von Illusion „Bundesliga“ zur Realität „nächstes Jahr wieder nach Sandhausen“. Es fiel der 1:1-Ausgleichstreffer und langsam sprach sich herum, dass auch auf den fremden Plätzen keine Ergebnisse zu vermelden waren, die einen Lauterer Aufstieg möglich machen würden. Das Stadion verwandelte sich innerhalb weniger Minuten in eine Trauergemeinde und ich fühlte mich wieder wie ein Schwamm, aus dem dieses Mal jedoch alle Aufstiegsfreuden ausgewrungen wurden. Die Kulisse reduzierte sich nun auf ein ruhiges Gemurmel, wie kurz vor dem Beginn einer Theateraufführung.

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Ich setzte mich völlig erschöpft auf den Tribünenboden der Westkurve. Müde von dieser kräfteraubenden Nervosität, die mich die ganze Woche über begleitet hatte. Ich wollte mich am liebsten nach Hause auf die Couch beamen. Der Alkohol unterstützte kräftig eine schleichende Müdigkeit, die in mir aufkam. Auch meinen Hals spürte ich plötzlich. Erstens vom verzweifelten Anfeuern, beziehungsweise pöbeln gegen den Schiedsrichter und zweitens durch das Wegdampfen der Zigaretten. Der Tag-Rausch bekam plötzlich eine widerliche Wendung.
Ich stand wieder auf, um die letzten Minuten des Spiels noch mitzuerleben, doch die Kombination aus Müdigkeit und reiner Enttäuschung erschwerten es. Ich hörte den Abpfiff und ließ mich wieder in Richtung Boden gleiten. Ich fühlte mich wie in einer von der Außenwelt isolierten Seifenblase, die ich nicht zum Platzen brachte. Wie gelähmt saß ich gedankenversunken auf den verdreckten Stufen der Westkurve und habe einfach keine Lust mehr. Keine Lust mehr auf zweite Liga, keine Lust mehr Sonntagmorgens Auswärtsspiele in Sandhausen verfolgen zu müssen.
Diese Gedanken werden durch die Abschiedsfeier Tobias Sippels unterbrochen, der nach 17 Jahren den Verein verlässt. Die Huldigungen an ihn durch die Fans dienten als kleines Trostpflaster. Ich versuchte zaghaft mich den kleinen Feierlichkeiten anzuschließen und es munterte mich tatsächlich etwas auf. Nach der ausgiebigen Abschiedszeremonie verließ ich, mit aufgestauten Emotionen in mir, das Stadion. Während dessen ertönt das Fanlied „Der Betze ruft“ durch die Stadionlautsprecher und in mir kochten nochmals die Emotionen hoch, weshalb mir jetzt auch Tränen in die Augen schossen. Gar nicht mal aus Traurigkeit, es war die sentimentale Stimmung, die mich in dieser Situation packte.
Als ich Zuhause ankam und mich auf die Couch fallen ließ, spürte ich einfach nur noch absolute Leere und Müdigkeit in mir. Damit ist nicht die körperliche Müdigkeit gemeint, sondern einfach die Müdigkeit jede Saison aufs Neue den Aufstieg zu erhoffen und enttäuscht zu werden. Die Ankunft neuer Motivation für die nächste Saison ist zu diesem Zeitpunkt ungewiss, aber auch dieses Gefühl kommt mir in Verbindung mit dem FCK bereits vertraut vor. Dann kam mir der Gedanke, es ist doch nur Fußball. So ist es auch, aber an diesem Tag habe ich mich einfach komplett dem Fußball verschrieben und mittlerweile freue ich mich auch wieder auf den Moment, wenn ich wieder weiß, warum ich mich in ein banales „Spiel“ so hineinsteigere.
Bis dahin ist träumen angesagt. Der Traum vom Aufstieg wird sich schon irgendwann erfüllen, auch in Kaiserslautern.

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